BUND KLASSISCHER HOMÖOPATHEN DEUTSCHLANDS e.V.

Veröffentlichungen

Buchrezension: Gesund ohne Pillen

(20.05.2009) die angemessene Rezension zu dem neuesten Werk von Herrn Prof. Ernst

Gesund ohne Pillen
Was kann die Alternativmedizin?

Von Simon Singh, Edzard Ernst
Erschienen im Hanser Verlag, 2009
ISBN: 978-3-446-23301-0

Es gibt wenige Veröffentlichungen aus wissenschaftlichen Kreisen, die den Mut besitzen,
wesentliche Kriterien des naturwissenschaftlichen Erkenntnisgewinns für andere zu fordern,
selbst aber zu ignorieren. Da wird im Brustton der Überzeugung von den beiden Autoren
behauptet, die "Wahrheit" (die einzige und unabänderliche) über Akupunktur, Homöopathie,
Chirotherapie und Phytomedizin zu verkünden. In kurzen Stellungnahmen werden in diesem
Tenor auch weitere alternative Therapien "fachkundig" vorgestellt.

Ich möchte mich nur zu den "Wahrheiten" über die Homöopathie äußern:
Es ist sicherlich richtig, dass die randomisierte Doppelblindstudie (RCT) eine Methode ist, mit
der die Effektivität einer Maßnahme untersucht werden kann. Diese Beweisbarkeit wird in
der evidenzbasierten Medizin als Goldstandard betrachtet und nur von wenigen auch als
alleiniges Überprüfungsmittel anerkannt. Diese RCTs stellen aber nur eine von mehreren
Möglichkeiten der Wirksamkeitsüberprüfung dar.
Andere erkenntnistheoretische Ansätze sind diesem Autorengespann offenbar
         - entweder nicht bekannt - was bei ihrer Selbstdarstellung als Wissenschaftsautor
           bzw. Lehrstuhlinhaber für Komplementärmedizin nicht denkbar erscheint.
         - oder aber sie unterschlagen solche Ansätze aus Gründen der eigenen Überzeugung.

Letzteres wäre fatal, denn es würde bedeuten, dass hier nicht über biologische
Phänomene berichtet wird, sondern die Meinung der Autoren untermauert werden
soll - solches dann als "Wahrheit" zu bezeichnen, ist im höchsten Maße fraglich.

Hinweis darauf, dass hier Meinung zur "Wahrheit" "hochgejubelt" wird, ist auch, dass nur
solche Veröffentlichungen zitiert werden, die die "Wahrheit" der Autoren wiederum
unterstützen - so wird ausführlich die "Egger-Studie", eine Metaanalyse aus dem Jahr 2005
angeführt, die sich die Kritik gefallen lassen musste, einige Ungereimtheiten zu enthalten
und dadurch zu Aussagen zu kommen, die sonst gar nicht möglich gewesen wären.
Singh/Ernst gehen auch auf einige davon ein und scheinen sie zu entkräften. Die
Hauptkritikpunkte an der Metaanalyse übergehen sie allerdings.

Der Health-Technology-Assessment-(HTA)-Bericht für die Schweizer Regierung aus dem
Jahr 2006, der in sehr dezidierter Form die meisten aller zur Homöopathie veröffentlichten
Studien vorstellt sowie auf Stärken und Schwächen hin analysiert und der qualitativ besser
ist als eine Metaanalyse, wird jedoch noch nicht einmal erwähnt. Es ist anzunehmen, dass
beiden Autoren der Bericht bekannt ist. Diese Veröffentlichung sagt im Fazit, dass es für die
Wirksamkeit der Homöopathie ausreichend Belege gibt. Sie kommt des Weiteren zu dem
Ergebnis, dass die Homöopathie eine wertvolle Ergänzung der schulmedizinischen
Behandlungsmöglichkeiten darstellt.

Es ist traurig, feststellen zu müssen, dass sich hier zwei Autoren als Fachleute darstellen,
um eine Meinung zu transportieren, die sie nach allen gültigen wissenschaftlichen Kriterien
gar nicht aufrecht erhalten dürften. In einer Zeit, in der Wissenschaftlichkeit als
uneingeschränktes Maß der Dinge gewertet wird, ist es wichtig, sich auch bewusst zu
machen, dass die Halbwertszeit wissenschaftlicher Erkenntnisse stetig abnimmt - kurzum,
was heute als ultimative wissenschaftliche Erkenntnis gilt, ist oft schon in wenigen Jahren
überholt. Das bedeutet auch eine inflationäre Zunahme wissenschaftlicher Daten - wir
verlieren uns in Detailinformationen und auf diese Weise gleichzeitig den Blick für das
Ganze.

Die Homöopathie als Ganzheitsmedizin zu sehen, fällt den Autoren offenbar sehr schwer.
Sie auf die Wirkung von Placebos oder placeboähnlichen Effekten zu reduzieren, bedeutet
aber auch, Abertausende von Therapeuten, die die Homöopathie erfolgreich anwenden oder
angewandt haben, zu diffamieren. Diese sind demnach einfach nur nicht in der Lage, die
"wirklichen Wechselwirkungen" zu sehen.

Beide Autoren müssen sich vorwerfen lassen, in ihrem Buch über die "Wahrheit" der
alternativen Medizin wesentliche Kriterien von Wissenschaftlichkeit außer Acht gelassen zu
haben. Sie mögen damit sicherlich auch einen Teil der Bevölkerung erreichen - schließlich
soll sich das Buch verkaufen. Die Menschen aber, die Hilfe suchen, werden sie mit ihrer
Darstellung nur so lange beeindrucken können, bis diese die Wirkung eines gekonnt
gewählten homöopathischen Mittels erfahren - was häufig dann der Fall ist, wenn Patienten
von anderen Heilweisen als austherapiert entlassen wurden und sich keinen Rat mehr
wissen.

Traurig, dass es solche Bücher gibt, die eine so tiefe Kluft zwischen erklärtem Anspruch und
der Realität darstellen. Um trotz allem den Humor nicht zu verlieren: Stellen wir uns vor,
Bruce Willis alias John McClane in "Stirb langsam" wäre eine Reinkarnation von Samuel
Hahnemann. Dann wäre sein Kommentar zu dieser Veröffentlichung vermutlich
"Yippie ya yay - Schweinebacke".

München, Mai 2009

Dr. rer.nat. Eckehard Eibl
BKHD Vorstandssprecher

 Rezension Gesund ohne Pillen



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